
Sie sind zu Hause in einer kleinen Rheingauer Weinbaugemeinde von ca. 3800 Einwohnern, die bei der Kommunalreform im alten Umfang selbständig blieb. Stolz nennt sie sich "Gotisches Weindorf", und es ist wirklich erstaunlich, was die finanzielle und kulturtragende Kraft des Weinbaus, der Opfersinn frommer Wallfahrer und die zeitweilige Hofhaltung der Mainzer Erzbischöfe in einem kleinen Dorf geschaffen haben: Da grenzt an den von Fachwerkbauten umsäumten und vom Renaissance-Rathaus westlich beherrschten Marktplatz nach Osten ein ungestörter mittelalterlicher Kirchenbezirk mit Pfarrhaus, ehemaliger Schule und Chorschule, geprägt von zwei kostbaren Kirchenbauten,
der zierlichen spätgotischen St. Michaelskapelle

und der aus Hoch- und Spätgotik stammenden St. Valentinuskirche.

Sie sind kostbares Gehäuse einer ebensolchen komplett erhaltenen Ausstattung:
der graziösen Madonna von 1330,

der weicheren Doppelmadonna aus der Backoffenschule in der St. Michaelskapelle,

der drei gotischen Flügelaltäre, des seltenen Beispiels eines vollständigen, reich geschnitzten Kirchengestühls von 1510 und vieler anderer Werke in Stein, Holz, Eisen und Textilien.
Es lohnt sich immer wieder das Sehen und Staunen über soviel Schönheit; aber es lohnt sich auch, in Kiedrich zu hören: die schweren gotischen Glocken von 1389 und 1513, (Glocken mp3 180 KB)
den strahlenden Klang der spätgotischen Orgel, erbaut um 1500/20
(zählt mit Ostönnen bei Soest (1430) und Rysum in Ostfriesland (1457) zu den ältesten Deutschlands),

Video mit Chorregent em. Rainer Hilkenbach an der historischen Orgel
und - die Kiedricher Chorbuben, auch sie in ihren Gesängen ein Stück lebendiger Gotik.

Klangbeispiel A. Hammeschmidt "Machet die Tore weit"
Das kann man jeden Sonntag um 9.30 Uhr im Choralhochamt erleben, wenn z.Zt. 40 Buben und Männer in liturgischer Chorkleidung mit Priester und seiner Assistenz ins Gotteshaus einziehen und unter der Leitung des Chorregenten eine lateinische Messe singen. Seit 1333 ist diese Art des Chordienstes hier in Übung. Die Lehrer an einer kleinen Dorfschule unterrichteten "in cantu chorali et figurali" = im Gregorianischen Choral und in der Mehrstimmigkeit - und ebenso unterrichteten sie Latein: Noch spät im 17. Jh. rühmten reisende Gelehrte den vorzüglichen Wein, die gastfreundlichen Bewohner und deren gute Lateinkenntnisse!
Der Rationalismus der Aufklärung im 18. Jh. und die Gleichgültigkeit gegenüber solchen Kulturwerten im 19. Jh. haben dieser Tradition nichts anhaben können. Durch die Stiftung eines hochherzigen Engländers, Baronet John Sutton, wurde 1865 der Weiterbestand eines der ältesten Kirchenchöre gewährleistet, mit Chorschule und Chorregentenstelle.

Die Kiedricher Chorbuben singen an erster Stelle Gregorianik, aber hier in einer gotischen Variante des Gregorianischen Chorals im sogenannten Germanischen Dialekt, aufgezeichnet mit gotischen Hufnagelnoten in großen Folianten, dem Kiedricher Graduale. Melodisch wirkt dieser Gesang, der sich nur noch hier im Proprium (den wechselnden Texten des Gottesdienstes) erhalten hat, durch erhöhte Spitzentöne frischer, an anderen Stellen auch unbekümmerter, lebendiger.

So kommt in Kiedrich mit Glocken, Orgel und Choral die Gotik auch zum Klingen, man kann sie sehen u n d hören - das ist hier das Einmalige! Und auch die Gemeinde stimmt in diese Gesänge mit ein und hat dafür ein eigenes "gotisches" Gesangbuch, das Kiedricher Kyriale.
Ungefähr 100mal treten Jahr für Jahr die Chorbuben in Aktion; fünfmal üben die Buben und zweimal die Männer Woche für Woche - und wenn andere Familien ins normale oder verlängerte Wochenende fahren, haben sie Dienst: Gottesdienst, Dienst an der Musica sacra, an einer einmaligen Überlieferung.
Dabei sind sie nicht einseitig - auch die Mehrstimmigkeit hat hier Tradition. In jedem Gottesdienst erklingen zum kompletten gregorianischen "Programm" Motetten und Cantionalsätze. In Konzerten werden des öfteren Werke mit Orchester der großen Komponisten vorgestellt. Auch singen sie mit anderen Chören zusammen wie beispielsweise am 1. Oktober 2000 in der Basilika des Klosters Eberbach mit dem Leipziger Synagogalchor. Am 10. Dezember, dem 2. Adventssonntag, sangen die Kiedricher Chorbuben im Adventskonzert Kantaten von Johann Sebastian Bach, der vor 250 Jahren in Leipzig verstorben ist, und der als Protestant sehr wohl den Gregorianischen Choral kannte. In seiner h-moll Messe verwendet er die Intonation des Credo aus einem der reichhaltig überlieferten gregorianischen Credovertonungen und nicht nur das, er übernimmt sogar den auch damals in Leipzig gesungenen Germanischen Choraldialekt.
Diese Arbeit an und mit der Musica sacra kann nur weiterbestehen, wenn genügend Gelder zur Verfügung stehen, dass den Buben (auch vereinzelte Mädchen) die stimmlichen Voraussetzungen für Ihren Dienst durch individuelle Stimmbildung gewährleistet werden. So ist der Chor immer auf Spenden angewiesen, die auf Wunsch auch absetzbar sind. Hierfür ist der "Verein der Freunde des Chorstifts Kiedrich e.V." da. Seine Adresse lautet: Eltviller Str. 18, 65399 Kiedrich. Der Vorsitzende des Fördervereins ist Werner Kremer. Bankkonto: Volksbank Eltville (BLZ 510 914 00) KtoNr: 64 386.
